„Hilf mir, es selbst zu tun.“

Dieser Satz wird Maria Montessori zugeschrieben und hat mich seit meiner Ausbildung zur Pädagogin begleitet. Lange bevor ich Musikunterricht gab, war er für mich weit mehr als ein methodischer Hinweis. Er beschreibt eine Haltung zum Lernen, die mich bis heute prägt.

Montessori wollte Kinder nicht sich selbst überlassen. Im Gegenteil. Sie schuf Umgebungen, in denen sie sich selbst erproben konnten. Die Aufgabe der Pädagogin bestand nicht darin, Entwicklung zu ersetzen, sondern sie möglich zu machen.

Je länger ich unterrichte, desto häufiger frage ich mich, ob dieser Gedanke nicht ebenso für den Instrumentalunterricht gelten müsste.

Vielleicht besteht das eigentliche Ziel unserer Arbeit darin, eines Tages überflüssig zu werden.

Wenn Unterricht nicht das eigentliche Ziel ist

Diese Aussage klingt zunächst beinahe widersprüchlich. Schließlich leben Musikschulen davon, dass Schülerinnen und Schüler regelmäßig Unterricht besuchen. Erfolg scheint oft daran gemessen zu werden, wie lange jemand bleibt, welche Prüfungen abgelegt werden oder welches Niveau erreicht wird.

Doch ich frage mich immer wieder:

Was macht mehr Sinn?

Dass ein Mensch möglichst viele Jahre meine Schülerin oder mein Schüler bleibt?

Oder dass meine Arbeit so fruchtet, dass daraus etwas Eigenständiges entsteht?

Ich wünsche mir Letzteres.

Nicht, weil Unterricht dadurch weniger wertvoll würde. Sondern weil guter Unterricht sich irgendwann selbst überflüssig machen darf.

Denn Musik entsteht nicht im Unterricht.

Musik entsteht dann, wenn niemand zusieht.

Wenn jemand am Abend nach einem langen Arbeitstag die Gitarre aus der Ecke nimmt.

Wenn eine Jugendliche beginnt, ihre Lieblingslieder nach Gehör herauszufinden.

Wenn Eltern ihren Kindern vorsingen.

Wenn Freunde am Lagerfeuer gemeinsam musizieren.

Oder wenn jemand ganz selbstverständlich sagen kann:

„Ja, ich spiele Gitarre.“

Nicht, weil ein Zertifikat an der Wand hängt.

Nicht, weil eine Lehrerin es bestätigt.

Sondern weil dieser Mensch musiziert.

Selbstwirksamkeit als stilles Lernziel

Dieser Gedanke verändert den Blick auf Unterricht grundlegend.

Plötzlich ist die Unterrichtsstunde nicht mehr das eigentliche Ziel. Sie wird zum Übungsfeld für etwas, das außerhalb des Unterrichts stattfinden soll.

Dann stellt sich eine andere Frage:

Welche Fähigkeiten braucht ein Mensch eigentlich, damit er auch ohne mich weiterspielen kann?

Technik gehört selbstverständlich dazu.

Rhythmus.

Akkorde.

Notenlesen.

All das bleibt wichtig.

Aber ebenso wichtig erscheinen mir Fähigkeiten, die auf keinem Lehrplan stehen.

Die Fähigkeit, sich selbst kleine Ziele zu setzen.

Mit Frustration umgehen zu können.

Fehler nicht als Scheitern zu erleben.

Musik auszuwählen, die Freude bereitet.

Probleme selbstständig zu lösen.

Sich Neues zuzutrauen.

Kurz gesagt:

Selbstwirksamkeit.

Vielleicht ist sie sogar das eigentliche Lernziel des Instrumentalunterrichts.

Die Rolle der Lehrerin verändert sich

Das verändert auch meine Rolle als Lehrerin.

Ich verstehe mich immer weniger als jemand, der Wissen vermittelt, und immer mehr als jemand, der Bedingungen schafft, unter denen Entwicklung möglich wird.

Methodik und Didaktik erhalten dadurch eine andere Ausrichtung.

Sie dienen nicht in erster Linie dazu, Inhalte möglichst effizient zu vermitteln.

Sie dienen dazu, Menschen zunehmend unabhängig von meiner Unterstützung werden zu lassen.

Das bedeutet keineswegs, dass Beziehungen unwichtig werden.

Im Gegenteil.

Gerade eine tragfähige Beziehung ermöglicht es, Verantwortung Schritt für Schritt zurückzugeben.

Denn Loslassen braucht Vertrauen.

Und Selbstständigkeit wächst selten dort, wo ständig bewertet oder korrigiert wird.

Sie wächst dort, wo Menschen erleben:

„Ich habe das selbst geschafft.“

Wenn Schüler:innen ihren eigenen Weg bemerken

Vielleicht sind genau das die Momente, die mich am Ende eines Schuljahres am tiefsten berühren.

Nicht perfekte Vorspieldarbietungen.

Nicht bestandene Prüfungen.

Nicht besonders schwierige Stücke.

Sondern diese kurzen Augenblicke, in denen Schülerinnen und Schüler selbst bemerken, dass sie etwas können, was vor einigen Monaten noch unmöglich erschien.

Wenn ich in diese strahlenden Gesichter sehe, empfinde ich Stolz.

Nicht auf mich.

Sondern auf sie.

Weil ich weiß, dass sie ein Stück Selbstwirksamkeit gewonnen haben.

Vielleicht besteht darin der eigentliche Sinn meiner Arbeit.

Nicht darin, möglichst lange gebraucht zu werden.

Sondern darin, Menschen so zu begleiten, dass sie irgendwann mit Freude ihren eigenen musikalischen Weg gehen können.

Dann ist meine Aufgabe nicht beendet.

Sie hat ihr Ziel erreicht.

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