Üben – oder wie Musik lebendig bleibt

Wenn wir über das Üben sprechen, denken viele sofort an Disziplin, Wiederholung und Zielerreichung. An „dranbleiben müssen“. An Fortschritt.

Ich habe das lange anders erlebt.

Meine ersten musikalischen Erfahrungen waren nicht geprägt von strukturiertem Unterricht oder einem klaren Weg. Meine Eltern konnten sich keinen regelmäßigen Instrumentalunterricht leisten. Stattdessen bewegte ich mich in Zwischenräumen: eine Zeit lang bei einer Privatlehrerin, in kleinen Kinder-Ensembles, im Chor.

Vieles davon fand in einem religiösen, durchaus ambitionierten Rahmen statt – und gleichzeitig war es vor allem eines: Learning by Doing.

Ich wurde nicht angetrieben von der Erwartung, dass aus mir „etwas werden muss“. Ich wurde getragen von der Situation. Vom Mitmachen. Vom Dazugehören.

Und vielleicht war genau das mein größtes Glück.

 

Zwischen zu wenig und genau richtig

Objektiv betrachtet habe ich wahrscheinlich zu wenig geübt. Und gleichzeitig: genau richtig.

Ich hatte das Glück, ein gewisses Talent zu besitzen. Es hat mich getragen, auch dann, wenn ich nicht regelmäßig geübt habe. Gleichzeitig habe ich nie so viel geübt, dass mir das Musizieren zur Last wurde.

Musik blieb für mich lebendig. Frei. Mein Raum.

Mein Üben war kein strenger Plan. Es war eher ein Pendeln:

  • Ich spielte das, was bereits funktionierte – weil es Freude machte.
  • Ich folgte meinem Ehrgeiz in Wellen – und verschlang alles, was ich finden konnte.
  • Ich kannte das Gefühl, gebraucht zu werden – und nicht „abschmieren“ zu wollen.

Das hat mich geprägt. Nicht Perfektion – sondern Beziehung.

 

Was Üben für mich heute bedeutet

Heute sehe ich das Üben anders – und gleichzeitig erkenne ich darin vieles von damals wieder.

Üben ist für mich kein Beweis von Disziplin. Üben ist ein Dialog mit mir selbst.

Es geht nicht darum, mich zu verbessern, um zu genügen. Es geht darum, in Verbindung zu bleiben.

  • Verstärke das, was du schon gut kannst. Freude ist ein Motor.
  • Beginne mit etwas, das dir Spaß macht. So öffnest du den Raum.
  • Beende dein Üben ebenfalls mit etwas Schönem. So bleibst du gern dran.
  • Übe Neues in kleinen Häppchen. Dein System lernt in Schritten.
  • Setze dir Ziele, die erreichbar sind – aber nicht sofort.

Eine Übeeinheit darf leicht sein

Oft glauben wir, wir müssten lange üben, damit es „zählt“. Dabei kann schon eine kurze Einheit wirksam sein.

So könnte eine 5–10-minütige Übezeit aussehen:

1. Ankommen (1–2 Minuten): Spiele etwas, das du gut kannst. Ohne Anspruch. Nur zum Reinkommen.

2. Fokus (2–3 Minuten): Nimm dir eine kleine neue Sache vor: ein Akkordwechsel, ein Rhythmus, eine Stelle.

3. Verbinden (2–3 Minuten): Baue das Neue in etwas Bekanntes ein. So wird es lebendig.

4. Abschluss (1–2 Minuten): Spiele wieder etwas, das dir Freude macht. Lass dein Üben gut enden.

 

Musik darf Pausen haben

Auch heute übe ich oft auf ein Ziel hin. Und wenn dieses Ziel erreicht ist, darf es ruhig werden.

Ich lasse Dinge liegen. Ich zwinge mich nicht in eine Dauerschelle der Optimierung.

Musik darf atmen. Und ich auch.

 

Der vielleicht wichtigste Satz

„Freiheit ist, sich nicht vergleichen zu müssen.“

Immer dann, wenn Druck entsteht oder Enge spürbar wird, weiß ich: Ich habe mich gerade entfernt – von mir selbst.

Und genau dort beginnt das eigentliche Üben wieder. Nicht am Instrument. Sondern in mir.

 

Was bleibt

Vielleicht geht es beim Üben gar nicht darum, besser zu werden. Sondern echter.

Und vielleicht ist der größte Fortschritt der Moment, in dem wir aufhören, uns zu messen – und beginnen, uns zuzuhören.

Denn genau dort entsteht Musik, die trägt.

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