
Ich lerne erstaunlicherweise gern. Eigentlich schon immer. Nicht unbedingt nach Plan und selten deshalb, weil ein Buch mir sagt, was als Nächstes dran ist. Aber wenn meine Neugier mich irgendwohin zieht, dann kann ich mich festbeißen. Dann will ich verstehen. Ich will sehen, ausprobieren, spüren.
Irgendwann habe ich begriffen, dass Lehren und Lernen wie zwei Seiten derselben Medaille sind. Immer wenn ich mir selbst eine Weiterbildung gönne, bekomme ich etwas Kostbares dazu: Ich kann beobachten, wie Lernen sich von innen anfühlt.
Wann fühle ich mich sicher? Wann bin ich offen und aufnahmefähig? Wann brauche ich eine klare Anweisung? Und wann wird es so viel, dass kein weiterer Satz mehr wirklich bei mir ankommt?
Gestern hielt ich die Feile in der Hand und schliff am Sattelknochen meiner Ukulele. Zug um Zug. Und jeder einzelne schien ins Leere zu gehen.
Da passiert doch nichts, dachte ich.
Also mehr Druck. Noch einmal. Und wieder. Bis ich feststellen musste, dass ich eine kleine Senke eingeschliffen hatte. Nicht viel. Aber genug, dass nun auch rundherum Material wegmusste, damit die Fläche wieder eben werden konnte.
Ich machte weiter. Sorgfältig. Hartnäckig. Und zunehmend müde.
Es war mühsam, auf eine Weise, die nicht nur in den Händen zu spüren war. Auch im Kopf wurde alles enger. Der Wunsch, es richtig zu machen, wurde lauter. Gleichzeitig wurde meine Fähigkeit, noch fein wahrzunehmen, immer kleiner.
Mein Sattel war noch nicht fertig. Und trotzdem kam dieser eine Punkt, an dem ich wusste: Mit dieser Haltung werde ich dieses Stück heute nicht mehr verbessern.
Also ließ ich es sein.
Nicht leichtfertig. Nicht, weil es mir egal geworden wäre. Sondern aus Erfahrung. Ich kenne diesen Punkt, über den hinauszugehen nichts mehr für mich tut. Dahinter wartet selten ein besonders guter letzter Arbeitsschritt. Eher ein Fehler, der aus Erschöpfung entsteht.
Vielleicht ist Geduld gar nicht nur die Fähigkeit, lange weiterzumachen. Vielleicht bedeutet Geduld manchmal auch, rechtzeitig aufzuhören. Den unfertigen Zustand auszuhalten. Darauf zu vertrauen, dass morgen wieder Hände da sein werden, die ruhiger arbeiten, und Augen, die genauer sehen.
Das klingt einfach. Aber mitten im Tun fühlt es sich nicht einfach an. Ein unfertiges Werkstück liegen zu lassen, obwohl man es doch gern zu Ende bringen würde, braucht Vertrauen. In den nächsten Tag. In den Prozess. Und auch in sich selbst.
Dann war da noch diese Feile. Eine der besten, wie man mir sagte. Nur schien sie das nicht zu wissen, sobald ich sie in der Hand hielt.
Später erfuhr ich, dass sie nur auf Druck schliff, nicht auf Zug. Eine kleine technische Information. Eigentlich nichts Dramatisches.
Aber zu diesem Zeitpunkt war ich bereits frustriert und kaum noch aufnahmefähig. In mir war nicht nur der Gedanke: Ich habe die Feile falsch benutzt. Da meldete sich schnell etwas Größeres: Ich kann das nicht. Ich stelle mich ungeschickt an. Alle anderen verstehen es wahrscheinlich längst.
Wie dankbar bin ich in solchen Momenten für eine einfühlsame Anweisung. Für einen Satz, der mir zeigt, was ich anders machen kann, ohne aus dem Fehler ein Urteil über mich zu machen.
Es ist nur eine Feile. Nicht ich als ganze Person, die gerade nicht besonders erfolgreich ist.
Diesen Unterschied zu spüren, ist für mich eine der wichtigsten Erfahrungen beim Lernen. Und vermutlich auch beim Lehren.
Als Lehrerin gebe ich selbst Anweisungen. Ich erkläre Bewegungen, Akkorde, Rhythmen und musikalische Zusammenhänge. Dabei weiß ich natürlich, dass Menschen unterschiedlich lernen. Aber selbst wieder Lernende zu sein, macht dieses Wissen körperlich.
Plötzlich erinnere ich mich nicht nur theoretisch daran, dass eine Erklärung zur falschen Zeit zu viel sein kann. Ich spüre es. Ich merke, wie sehr der Tonfall entscheidet. Wie wichtig es ist, ob eine Korrektur Orientierung schenkt oder Scham auslöst. Wie wohltuend eine konkrete Information sein kann, wenn sie nicht gleichzeitig die ganze Person bewertet.
Vielleicht ist gutes Lehren genau das: den nächsten sinnvollen Schritt sichtbar machen, ohne so zu tun, als müsste der ganze Weg schon verstanden sein.
Und vielleicht bedeutet Vertrauen im Unterricht nicht, dass immer alles gelingt. Sondern dass ein Fehler klein bleiben darf. Eine Saite schnarrt. Ein Akkord klingt noch nicht. Eine Feile wird falsch geführt. Das alles darf eine Information sein, keine Anklage.
Mein Blick auf Instrumente hat sich in diesen Tagen verändert. Stege, Leisten und Streben erzählen mir jetzt Geschichten. Geschichten über Sorgfalt, Wissen und Liebe zum Handwerk.
Ich habe viel gelernt. Aber nicht alles davon ist im Verstand gelandet. Manches ist Know-how. Manches ist Sehen. Manches ist Fühlen.
Vielleicht muss Lernen auch gar nicht immer sofort in klare Worte passen. Manchmal wissen die Hände etwas früher als der Kopf. Manchmal erkennt das Auge eine Unebenheit, bevor man erklären könnte, woran genau. Und manchmal wächst Vertrauen einfach dadurch, dass man einen Arbeitsschritt tut, obwohl man das fertige Ergebnis noch nicht kennt.
Die Ukulelen werden uns am Ende des Kurses noch nicht überreicht. Sie kommen noch einmal in die Werkstatt, bekommen ihren endgültigen Schliff und einen feinen Lack.
Auch das gehört dazu: Wir haben so viel an ihnen gearbeitet, und trotzdem nehmen wir sie noch nicht mit nach Hause. Noch ist nicht alles abgeschlossen. Noch weiß ich nicht, wie meine Ukulele klingen wird.
Der letzte Bericht steht also noch aus.
Aber vielleicht habe ich schon vor dem ersten Ton etwas Wesentliches von diesem Instrument gelernt: Sorgfalt braucht Zeit. Fehler brauchen keine Scham. Pausen können ein Teil des Fortschritts sein. Und ein Prozess darf tragen, auch wenn sein Ergebnis noch nicht sichtbar ist.
Für mein eigenes Lernen. Und für mein Lehren.
WhatsApp me
Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen
Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.
Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.